Selbstmordattentäter - Helden oder Killer?
Häufig äußert man in Europa und ganz besonders in Deutschland Verständnis für jene, die sich als palästinensische Terroristen selbst bevorzugt Selbstmordmärtyrer nennen. Handle es sich es sich doch, so wird behauptet, im allgemeinen um zutiefst verzweifelte junge Menschen, die in ihrer Ausweglosigkeit und durch die Erfahrung täglicher Demütigung keinen anderen Ausweg mehr aus ihren armseligen Verhältnisse sähen. Selbst bei den Massenmördern des 11. September 2001 waren viele hierzulande sehr schnell mit ähnlichen sozialpsychologischen Deutungsmustern bei der Hand. Wenig später konnte jeder, der es wissen wollte, zur Kenntnis nehmen, dass die meisten der Mörder des 11. September aus wohlhabenden saudiarabischen Familien stammten und erst als junge Erwachsene zum Hochschulstudium nach Europa kamen. Auch hier fehlte es ihnen an nichts, nicht an Freiheit, erst recht nicht an sehr viel Geld, dafür gewiss an Motiven, die sich aus der Erfahrung bitterer Armut bzw. täglicher Unterdrückung und Demütigung hätten herleiten lassen. Wenngleich also die selbsternannten Motivationsexperten im Falle der Selbstmordkiller des 11. September offenkundigen Unsinn verbreiteten - weshalb man sie sich eher um die Aufdeckung ihrer eigenen Motive kümmern sollten -, erfreut sich das Klischee vom Befreiungsschlag des Selbstmordattentats aus tiefer Verzweiflung in Deutschland weiterhin großer Beliebtheit.
Die simple Deutungslogik - wer sich umbringt, muss sehr verzweifelt sein - nimmt das eigene Kulturverständnis zum Maßstab der Erklärung eines auf den ersten Blick sonst unerklärlichen Verhaltens. Dabei wird indes sehr viel an Fakten und Wissen ignoriert ( siehe: 11. September), was auch ohne Rückgriff auf die vermeintlich aus einfühlsamem Humanismus gespeiste Interpretation zur Erklärung beitrage könnte. Da sind zum einen Motive wie Rache und Hass, auf deren nachhaltiger Vermittlung sich wesentliche Teile der frühen kindlichen Erziehung in den Familien, der Sozialisation in Gleichaltrigengruppen und schließlich der militarisierten Schulpädagogik in den palästinensischen Gebieten ausrichten. Da ist zum weiteren die zunehmend verbreitete islamische Auffassung, derzufolge insbesondere junge Männer, die im Namen Allahs unter Preisgabe ihres eigenen Lebens Juden bzw. Ungläubige töten, auf die erlesenste Weise im jenseitigen Paradies belohnt werden. Da sind weiters die in der arabisch und kultureller seit jeher traditionell bedeutsamen Motive von Ruhm und Ehre, welche einzig dazu geeignet sind, sich in der Erinnerung der Familie, der Clans und Stämme auf immer Verehrung und Zuneigung zu sichern. Und schließlich nicht zuletzt ist da die Gewissheit, dass mit dem eigenen Tod der zurückgelassenen Familie nicht unbeträchtliche finanzielle Unterstützungsmittel zufließen werden. Diese Zusammenhänge sind bekannt und vielfach detailliert beschrieben worden; sie ändern indes nichts daran, dass Anhänger der Verzweiflungstheorie bei ihrer Erklärung bleiben wollen. Unter dieser Voraussetzung sind in letzter Logik nicht die Israelis selbst Opfer der blutige Massenmordanschläge, sondern die verzweifelten jungen Menschen, die sich dabei in die Luft sprengen. Oder anders gesagt: nur dieses Interpretationsmuster stellt sicher, dass die Juden - denn wer anders sollte regelmäßig gemeint sein, wenn scheinbar objektiv von Israelis die Rede ist - immer die Schuldigen bleiben.
Dazu passt, dass die Verfechter der Verzweiflungstheorie außerdem die massive Zunahme der Zahl derjenigen Palästinenser, die zum Massenmord per Suizid bereit sind, in Verbindung mit der Erfahrung der Intifada-Aufstände bringen, also jenen weltweit in oft wiederholten Bildsequenzen gezeigten Szenarien der gegen israelische Panzer Steine werfenden Kinder. Nicht nur individuelle, sondern kollektive Verzweiflung wird als erweitertes Deutungsmuster herangezogen, so als ob es nicht früher unter anderen historischen Umständen bereits den vielfachen Einsatz fanatisierter Menschen gegeben hätte, die als nicht zu stoppende Selbstmörder vor allem Feinden oder Gegnern wie aus heiterem Himmel den Tod oder Verstümmelung bringen sollten. Niemand würde heute wohl ernsthaft behaupten wollen, dass die zahlreichen jungen japanischen Piloten, die sich unter sicherer Preisgabe ihres Lebens mit ihren bombenbeladenen Flugzeugen mitten in feindliche Ziele stürzten, dies aus tiefer Verzweiflung und Kränkung getan hätten.
Und ebenso wenig ließe sich dergleichen für ein kulturell wesentlich näher liegendes historisches Beispiel bringen, aus dem sich zudem die Erkenntnis herleiten lässt, dass Mord durch Selbstmord keineswegs eine spontane, aus schierer Hilflosigkeit geborene Reaktion junger Palästinenser ist, sondern vielmehr gerade im arabisch-islamischen Kulturkreis auf eine sehr alte Tradition, die Bewegung der Assassinen, zurückblicken kann.
Diese Assassinen gehörten zum Kern eines mittelalterlicher islamischen Geheimbund, nämlich einer vom Iran aus wirkenden Sekte des Hassan-i-Sabbah. Von den Mitgliedern dieser Sekte wurde das Selbstmordattentat als Legitimation für den tatsächlichen Eintritt in den ewigen Lustgarten aufgefasst. Ihre Mordopfer waren durchweg Repräsentanten der geistlichen und weltlichen Herrschaft in Persien, Syrien und im Irak; die Mörder übten sich ähnlich in Tarnung wie heutige sogenannte Schläfer.
Palästinensische Selbstmordattentäter sind demnach allenfalls in der Form selbst Opfer anzusehen, als sie den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend einer massiven Indoktrination zu antisemitischem Hass und einer zu skrupellosem Töten unschuldiger Zivilisten befähigenden Gehirnwäsche ausgesetzt werden. Davon abgesehen sind sie Killer, die sich ihrer Aktion nicht nur jederzeit bewusst sind, sondern diese mit Hilfe ihrer Terrorbetreuer planmäßig vorbereiten, um sich zuguterletzt in Abschiedsvideos noch propagandistisch in Szene setzten.
wr